Soziologische Methoden in der Designforschung

Wir suchen die Wirklichkeit, um es mit den Worten des Soziologen Herbert Blumer zu sagen, in der empirisch sozialen Welt selbst – "und nicht in den Methoden, die zur Forschung jener Welt herangezogen werden."

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Aber wie ist diese empirisch soziale Welt beschaffen? Sind Zugriffe auf sie überhaupt möglich, zumal die Welt, wie es seit dem 'linguistic turn' postuliert wird, erst durch die Beschreibung zu einer solchen wird? Der Glaube, dass wir bei der Feldforschung eine 'eigentliche' Wirklichkeit treffen, basiert auf naivem Objektivismus. Erstens verändert die Präsenz des Forschenden das Geschehen im Feld. Zweitens verläuft jede Beobachtung intentional – und führt damit einen blinden Fleck vor Augen, den sich durch Perspektivenwechsel verschieben, aber nie aufheben lässt. Diese erkenntnistheoretischen Annahmen sollen uns jedoch nicht davon abhalten, ins Feld zu gehen. Mehr noch: Sie sollen uns zur Reflexion über Methoden und die eigene Rolle im Feld bewegen.

Wir verschaffen uns in dieser Veranstaltung einen Überblick über die historische Entstehung der qualitativen Methoden: der Ethnografie einerseits, die in der klassischen Antike mit der Beschreibung fremder Völker beginnt und über die Kolonialisierung und hin zur modernen Ethnologie führt. Der Soziologie andererseits, die mit der Chicago School vor gut hundert Jahren ein methodologisches Programm zur Erforschung der sozialen Vielfalt in der Stadt entwickelt. Robert E. Park, Begründer der Chicago School, versteht die Stadt erstmals als ein ein Ort verdichteter kultureller Heterogenität, im dem neue – eben: urbane – Identitäten entstehen.

Wir müssen also heute nicht mehr wie Bronislaw Malinowski, der Begründer der Feldforschung, in die Südsee fahren, um das Fremde zu suchen. Wir bewegen uns inmitten eines Kosmos von Lebenswelten. Die Feldforschung versucht, solche mikrosozialen Lebenswelten zu erkundschaften, ihre Stile, ihre ästhetischen Codes, ihre Sprache, ihre Symbole mit methodischen Ansätzen zu beschreiben – und, zumindest wenn sie induktiv vorgeht, daraus Generalisierungen abzuleiten. Wir erstellen ein Forschungsdesign, in dem die zentrale Fragestellungen – nicht Hypothesen! – , die Methoden und das Vorgehen formuliert und reflektiert werden. Wir schaffen Feldkontakte, führen Befragungen und Beobachtungen durch und werten diese nach sozialwissenschaftlichen Standards aus. Kurz: Wir suchen mit Methoden der Beobachtung, Befragung und der Ethnografie das Fremde im Vertrauten und, vielleicht auch, das Vertraute im Fremden.

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